Leseprobe:

Meine zwei kleinen Koffer stehen vor mir auf dem Boden und ich sitze auf dem Rand eines Bettes, in dem wahrscheinlich schon Thomas Münzer geschlafen hat.
Das Zimmer, nein diese Bucht, beherbergt zwei solche Betten, dazu eine Waschkommode mit einem Steingutkrug und einer Steingutschüssel auf einer Marmorplatte, noch einen kleinen Holztisch mit zwei Stühlen und einen Schrank, mit vier Wäschefächern links und einem Teile mit 6 Kleiderbügeln rechts. Die Betten gleichen verschneiten Bergen. Ein Alternativguru hätte seine wahre Freude daran: echte Federbetten! Die Krönung sind die Wände. Es sind Bretter, in einem milchig grünen Farbton gestrichen. Erinnert an einen Stall. Der kleine Tisch steht in einer Gaube, mit einem Fenster aus einfachem Glas.
Es ist September und es ist noch warm. Nur, es wird irgendwann Oktober, sogar November und auch Dezember und dann ist es nicht mehr warm. Ich kann nirgends etwas entdecken, was nur annähernd einer Heizquelle ähnlich sieht. Junge hoffnungsvolle ostdeutsche Akademiker, bei ihren ersten Einsatz in der volkseigene Industrie im Quartier erfroren. Könnte so im Westfernsehen kommen. Mir kommen die Tränen. Womit habe ich das verdient? Es wächst eine ziehende Sehnsucht nach der Hochschule, nach den fernbeheizten Internaten und noch mehr, nach dem Studentenklub. Das hier ist mehr als ein Exil, es ist Verbannung.
Ich will gerade den Versuch starten, mich mit meinem Schicksal anzufreunden, als die Tür aufgeht. Wobei die Tür diesen Begriff nicht verdient. Im geschlossenen Zustand passt da locker ein Handtuch durch den Spalt zwischen Rahmen und Türblatt. Ein relativ kleiner Kerl steht nun in dieser Öffnung. Glatte nach vorn gekämmte Haare. Bisschen wie Napoleon.
"Sier, willkommen auf St. Helena. Mach dir es bequem. Falls du mal musst, es ist die Holztür neben dem Kuhstall, quer über den Hof."
Er sieht sich kurz um, kommt ins Zimmer, geht bis zur Gaube, schaut zum Fenster hinaus und dreht sich wieder um.
"Wir werden nacheinander aufstehen müssen. Anderenfalls würden wir uns beim Anziehen gegenseitig verletzen. Mein Name ist Steffen Uhlig, Freunde nenne mich Sax."
"Fein Freund Sax. Ich bin Jürgen Pfahl, genannt Stange."
Wir schütteln uns die Hände. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Nachdem wir den Schrank aufgeteilt haben, unsere wenigen Sachen dort hinein gelegt, die Betten zugewiesen und mit Frau Breitner ein paar organisatorische Dinge besprochen - der Bauer selbst ist auf dem Feld - ist es fast es dunkel und wir laufen die Dorfstraße entlang, auf der Suche nach einem Glas - Bier - Geschäft.


740 Seiten aus der Sparte postsozialistischer Realismus. Politik, Ideologie, Partei - das gehört zum Überbau. Darunter ist der Alltag der 99 % angesiedelt. Wenn dieser Alltag von Leuten beschrieben wird, die ihn selbst nicht erlebt haben, dann kommt es zuweilen bisschen schräg rüber.
Sicher kann hier und da, dieses und jenes geschehen sein, aber es war hier und da auch manches anders, eben alltäglich. In diesem Alltäglichen galt der Spruch:
Wir sind schon dafür dagegen zu sein, aber das sollte nicht auffallen.
Und es gab einige weiße Flecke in der geplanten Gsellschaft. Mit Fantasie, etwas Geschick und dem unbedingten Wunsch, mehr aus dem Leben zu machen, als geplant vorgsehen ist, konnten solche Flecken bunt ausgemalt werden.
Hatten solche Buntmaler Erfolg, da kam es vor, dass man sie in die Nomenklatura locken wollte. Man suchte schon Leute, die mehr konnten als nur reden. Wobei selbst das Reden bei einigen Kadern ganz oben ein echtes Problem war. OK, eine solche Vereinnahmung konnte mit bisschen dumm stellen ganz gut verhindert werden.
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