Kleine Leseprobe:

Er steckt Räucherstäbchen in den Sand, im Tempel der grünen Jadegöttin, auf Vietnamesisch Chuá Phúoc Hái.
Es ist der Haustempel seiner Frau und der wohl berühmteste Tempel von Saigon, pardon von Ho Chi Minh Stadt.
Einmal pro Woche ist der Tempel die Kontaktstelle zwischen dem Irrsinn des Daseins auf dieser Erde
und der Hoffnung auf ein geordnetes und gerechtes Jenseits. Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen.
Eine wenn es ihm gut geht und eine andere für die schlechten Tage, die nennt man Religion.
So sah es Kurt Tucholsky.

Seine Frau achtet darauf, dass Charlie im Tempel alles richtig macht. Richtig heißt, die Reihenfolge der Figuren
einhalten, bei denen Räucherstäbchen in die Schalen mit Sand gesteckt werden und immer die richtige Anzahl an Stäbchen.
Ein oder drei, niemals zwei. Charlie hat keine Ahnung warum stets nur ein oder drei Stäbchen. Aber er tut, was sie sagt.
Schließlich ist sie die Expertin für Tempel und Räucherstäbchen.
Er hat bei verschiedenen Gelegenheiten schon mehrere Götter um eine Antwort gebeten. Den christlichen Gott, Allah,
Manitu, Brama, Vishnu, Shiva und auch Buddha. Keiner gab eine zufriedenstellende Antwort. Dabei wollte er nur wissen,
ob es in einem Jenseits Tabak gibt. Ruhe, Frieden, Harmonie, auch Jungfrauen werden angeboten, aber kein Tabak. Schade.
Muss er also noch im Diesseits ein paar Züge tun. Verdammt, das Jenseits soll viel länger währen, eine ganze Ewigkeit,
und das alles ohne eine Zigarette und ohne ein Bier. Was soll er dort mit 72 Jungfrauen? Das Körperliche ist doch vorbei.
Nur noch Seele. Da sind Jungfrauen sowas wie das Fegefeuer bei den Christen oder die Tantalusqualen bei den alten Griechen.
Mann ist ganz nah dran und kann doch nicht zugreifen. Na danke!


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