Diplomatenjagd

Es waren einmal starke Reformatoren, denen die Gabe der Weitsichtigkeit verliehen ward. Daher erkannten sie, dass, wenn es so weiter geht, der Laden den Bach runtergespült wird. Deshalb beschlossen sie zu handeln. Sie hatten dabei aber keine Agitation im Auge, eher brachiale Methoden. Sie waren keine theoretischen Systemgegner. Solche Typen waren und sind nur gut für Schlagzeilen in der Presse der anderen Seite. Systemgegner sind doch nur dafür, dagegen zu sein. In Verkennung einer weiteren Regel des theoretischen Vordenkers Karlo M., dass eine Idee erst dann zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Masse ergreift, haben die Ideen dieser Systemgegner nicht mal das Politbüro ergriffen bzw. wurden dort nicht begriffen. So einzelne Intellektuelle eignen sich lediglich als politisches Sperrfeuer mit Platzpatronen durch den ideologischen Gegner. Doch nun zu dem Märchen, in dem es die Reformatoren schafften, die überalterte Führung ihres Landes bei einem gemeinsamen Jagdausflug in der Schorfheide zu verjüngen. Dies konnte am einfachsten dadurch erreicht werden, indem man den Anteil der Alten verringerte. Alle fünf Todesfälle wurden als bedauerliche Jagdunfälle deklariert. Gewohnt hinzunehmen, was ihnen so vorgebetet wird, nahm daran niemand Anstoß. Weitere Politgreise schickte man zur Kur in ein gut bewachtes Sanatorium. Das Datum? Es war der Sommer anno 1971. Zusammenkunft fünf hochrangiger Funktionäre, die nicht mehr auf ihre Nominierung als Kandidaten des Politbüros warten wollten. Vier davon kaum älter als 45. Sie waren die Initiatoren dieser rigorosen Verjüngung des Politbüros. War nicht ohne Risiko. Es durfte ja kein Diplomat bei dieser Diplomatenjagd erlegt werden. Bis auf einen Streifschuss des sowjetischen Botschafters, weil der zu nahe am alten Generalsekretär stand, kam auch kein Diplomat zu Schaden. In einer ausführlichen diplomatischen Note wurde sich dafür entschuldigt. Aber die Verjüngung war erfolgreich. Einer aus der Riege der etwas Älteren hat rechtzeitig die Front gewechselt. Er desertierte und gehört nun zu den Reformatoren. Sie als Putschisten zu bezeichnen wäre insofern unpassend, da der eigentliche Putsch einen früheren Anfang hatte. Ein Volk wurde für ein Experiment benutzt, bei dem das zu erwartende Ergebnis eher nur eine vage Vorstellung war und von einer großen Anzahl von Zufälligkeiten abhing. Und dann wurde beim Losfahren auch noch die Handbremse angezogen.

"Es ist wie das Amen in der Kirche, welches am Ende einer jeden Predigt ausgerufen wird. Wenn es so weiter gegangen wäre, hätten wir Konkurs anmelden müssen. Es war Rettung in letzter Minute. Daher Genossen, . " Der Einzige aus der alten Politbürogarde, der sich rechtzeitig zu den Reformatoren gerettet hat, weil er den Durchblick hatte, will aus alter Gewohnheit noch einmal eine Rede reden. Im Politbüro war das schon gängige Praxis. Manch Realität außerhalb der Mauern des Hauses am Werderschen Markt, einem Teilgebäude der ehemaligen Reichsbank, wurde schönfärberisch umschrieben.
"Gerhard, du musst uns jetzt nicht noch einmal aufklären wollen", unterbricht ihn einer der jüngeren Reformer, "Wir wissen es. Wo wir eine Mark hineinsteckten, dort kamen kaum mehr als 40 Pfennig wieder raus. Wir mussten das Ruder herumreißen. Dabei durften wir nicht zimperlich sein." "Ja Genossen, so war das", holt der Alte doch noch einmal aus, "Wir haben die Flinte nicht ins Korn geworfen, wir haben damit gemacht, was man mit Flinten nun mal macht. Das war aber nur möglich, weil der ehemalige große Bruder auch erkannt hat, dass es so nicht weitergehen kann. Dort hatte der nächste Generalsekretär einen Herzinfarkt und sein Nachfolger gleich noch einen. Nun scheint der Richtige am Ruder zu sitzen. Der hat den Spieß umgedreht. Es soll aber Geheimdienste geben, die hatten dabei einen ganz anderen Kandidaten im Auge. Nun ja, manchmal bestraft das Leben nicht nur, sondern ist einfach schneller als so ausländische Dienste und Kollaborateure denken können.
"Der große Bruder wandelt sich zum Fragesteller. Man will von uns wissen, wie die Wirtschaft aus dem Tal einer unsinnigen Verplanung auf die Höhe einer konkurrenzfähigen Effektivität gepusht werden kann", konstatiert einer der Jüngeren.
"Ich denke", ergänzt der Alte, "darauf haben unsere Leute nur gewartet. Sie werden nun Feuer unter dem Kessel der ostdeutschen Lokomotive machen. Ich sage euch, in ein paar Jahren pfeift der Hochdruckdampf durch unser Signalhorn, da bin ich mir sicher. Es ist doch so, dass jemand, der aufholen muss und will, eine höhere Motivation hat, als jemand, der gewohnt ist an der Spitze zu stehen. Manch Spitzenreiter bemerkt nicht mal, dass ihm da jemand auf den Fersen ist."
Und so begann der Osten am Westen vorbeizuziehen, ohne dass dieser es bemerkte.
Psychologen begründeten dies später mit einem sprunghaften Motivationsanstieg bei einer Bevölkerung, welche über Jahrzehnte ihre Möglichkeiten und Potenzen nicht nutzen durfte. Wie bei einer Feder, die zusammengedrückt ja eine gewisse potenzielle Energie beinhaltet. Wird der Druck weggenommen, springt die Feder hoch.

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