Dr. Faust

So viel Wahrheiten, in so wunderbaren Reimen zu offenbaren, da beugt es dem Durschnittsmenschen schon den Rücken. Eine solche Klarheit erfordert schon ein gerüttelt Maß Distanz. Ein alter, depressiver Akademiker, in so einem steinernen, dumpfen Mauerloch, auf der Suche nach dem ganz großen Heureka. Da würde heutzutage kaum ein Prof mitspielen.
Muss er auch nicht, denn heute gibt es die Besoldungstabelle C1 bis C4 für Professoren. Zu Goethes Zeiten musste dem aktuellen Herrscher und Geldverteiler stets die nötige Referenz erwiesen werden. Der Johann Wolfgang war da einerseits talentiert, auch mit einer guten Startposition ausgestattet, und andererseits ein Pragmatiker. Man könnte ihn als Opportunisten sehen. Na gut, einem Genie wird vieles verziehen.
Wer damals am Katheder aufsässiges Zeug faselte, wer Studenten zur Rebellion aufrief, der konnte schnell mit einem dumpfen Mauerloch Bekanntschaft machen, aber Ohne Famulus und ohne Bücherregal.
Anpassung ist auch immer ein Stück weit Unterwerfung. Schnell wird die natürliche Anpassung an veränderte Umweltbedingungen durch genetische Mutation, mit der Unterordnung unter ideologische und machtpolitische Interessen überdeckt. Ideologie und Machtpolitik ist aber keine natürliche Umweltveränderung, es ist Menschenwerk. Dafür gibt es keine genetische Mutation, nur den Verlust von Identität und Indivitualität.
Goethes Faust ist kein Werk, welches die Breite der Bevölkerung abbildet. Nur eine kleine und akademisch überzeichnete Elite, ein paar Überirdische und lediglich als Nebenfiguren etwas Volk. Aber, wie schon gesagt, genial verfasst.

Nun zum Werk an sich


Das Vorspiel auf das Theater


Dazu gibt es kaum etwas zu sagen. So ist es und so wird es bleiben. Direktor, lustige Person und Dichter, sie müssen dem Publikum gefallen. Wenn nicht, sinkt die Einschaltquote und die Werbeeinnahmen bleiben aus. Mit etwas Bedauern muss wahr genommen werden, ein Großteil der Kunst hat sich dem Massenkonsum unterworfen. Ist schon schade.

Prolog im Himmel.


Der alte, etwas selbstherrliche Mann, mit diesen zwei speichelleckenden Engeln an der Seite, der kann nicht in 6 Tagen 125 Milliarden Galaxien gebastelt haben. Auch wenn damals Samstag noch voll gearbeitet wurde.
In dem Quartett dieser Szene ist Mephisto die einzig Figur mit einem gewissen Realitätsbezug. Er hat bis heute an dieser Schöpfung schwer zu knappern. Ist ja sowas wie der Abfallbeauftragte. Der Meister hat mal kurz 6 Tage gearbeitet. Seitdem beschränkt er sich auf das Bewundern der Ergebnisse seiner Arbeitswoche. Clever.
Auch ihre Wette zeigt eine gewisse Einseitigkeit. "ER" sitzt oben und schaut zu, während der arme Teufel sich den A... aufreißen muss, um den alten Knispel Faust von einer Bahn abzubringen, von der dieser nicht mal wusste, dass er sie eingeschlagen hat. Der ist doch nur sauer weil er, wie er selbst zu sagen pflegte, zu alt ist, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Ein Thema der Palliativmedizin.
Ich kann solche Typen nicht leiden, die mit 5 Dollar darauf wetten, dass jemand ihr Feld in 5 Stunden pflügen kann. Der Pflüger pflügt sich die Gelenke wund und der Besitzer schaut interessiert zu.

Dr.Faust stellt sich vor

Diese, in einem ziemlich langen Monolog, sie kann wohl erst recht verstanden werden, wenn der Leser von ebensolchen Qualen beheligt wird. Alles war für die Katz, weil die letzten Jahre alle die Freude und jede Lust aus früherer Zeit zu einer einzigen geistigen Folter werden lassen. Für alle, die dem Leben jahrelang die Stirn geboten, die keine Liebe und kein Spiel ausgelassen haben, für solche Typen ist es schier unerträglich alt zu sein. Und so klagt der alte Faust, in seinem akademischen Mauerloch, alle an, Menschen, Geister, Götter, die ihm das Alter angetan haben.

Der Pakt

Nun, wer würde da nicht, wenn auch mit erheblichen Ängsten, dem Mephisto folgen? Mit Bedacht hat Goethe einen alten klapprigen Akademiker gewählt. War er ja selbst nicht mehr taufrisch und durchaus Intellektuell. Da schwirren schon die Bilder einer stürmischen Jugend durch die Ganglien und erzeugen Verdruss. Vorbei, unwiderruflich vorbei - Mist! Also gut, durchdacht ist der Pakt nicht, dann drüben, auf der anderen Seite, als Mephistos Diener, das kann sich hinziehen.
Doch da lässt der Dichter den Mephisto ein paar Worte sagen, da von den Kritikern gar nicht so als bedeutend bewertet werden:

Ich bin ein Teil, des Teils, der anfangs alles war, ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar.

Könnte er so nicht ausreichend formuliert sein, dieser sogenannte Urknall. Der alte Goethe wusste nichts von
Relativität der Zeit, nichts von Quantenmechanik und nichts von einer Urknalltheorie. Er war nur Dichter, aber auch
Philosoph, und hat es doch treffend formuliert.

Die Gretchenstory


Zum Thema Sex im Faust und bei Goethe. Der Dichterfürst bemühte sich mit 74 um eine Neunzehnjährige. Da es nicht wunschgemäß ausging, auf gut Deutsch, Johann Wolfgang blitzte ab, ist es nur verständlich, wenn er so eine Hexenküche mit Verjüngungstrank in sein Werk aufnimmt. Bei Goethes Bemühen um die Neunzehnjährige - der Mann wollte sie allen Ernstes heiraten - spekulierte er wohl auf seine Popularität und auf seinen sozialen Status. Doch irgendwann hilft auch das nicht mehr. Dafür hat er uns seine Marienbader Elegien hinterlassen. So klagt ein alter Mann, dem wohl gerade die letzte Chance für eine junges Blut durch die Lappen gegangen ist.

Liebe Altersgenossen, egal was man so erzählt von for ever young, geht in den Supermarkt, kauft euch ein Bier und vergesst das Ganze.

Bei der Sache mit dem Gretchen, da habe ich so ein Ziehen im Bauch. Es entsteht doch der Eindruck, dieser verjüngte Dr. Faust hat da eine Jungfer flach gelegt, die nicht alle beisammen hatte. Ich will jetzt nicht sagen, ihr Zustand wäre schon pathologisch, also krankhaft, aber kurz davor. Da lässt sich gleich in der ersten Nacht schwängern und dann auch noch mit Erfolg. Im heutigen Kontext war das Pech. Aber sie hatte keine Ahnung von den hormonellen Abläufen im weiblichen Zyklus.
Aber gut, hingenommen und abgekauft, weil es Goethe ist und damals kaum wer wusste, wie das alles zusammen hängt und abläuft. Dichterische Freiheit!? Die ganze Geschichte scheint die Gefahren des vorehelichen Geschlechtsverkehrs verdeutlichen zu wollen und vor Einfältigkeit und Gutgläubigkeit einerseits und unbeherrschte Sexgier andererseits zu warnen. So richtig nachhaltig ist diese Warnung nicht ins Bewusstsein der nachfolgenden Generationen eingegangen. Eher wurden Techniken und Hilfsmittel entwickelt, um die möglichen Folgen zu vermeiden. Mit Erfolg! Es zeigte sich, dass die Gretchen durchaus nicht naiv und einfältig sind. Kaum von der Last der Unberechenbarkeit befreit, nutzen sie die dauernde Brunft von uns Heinrichs schamlos aus.
Andererseits, Mann kann Frau Autos, Schmuck, Klamotten und Reisen schenken, wenn nicht ab und zu ein ausgewachsener Orgasmus dabei ist, nützt das alles nichts!

Auerbachskeller.


Wer das Glück hat studieren zu dürfen und zu können und dabei nicht ab und zu bisschen Alkoholmissbrauch zulässt, dem müssen böse Schmerzen plagen. Die studentischen Gelage sind vielleicht etwas populärer als irgendeine Landsknechtsauferei. Einen Salamander reiben, das erinnert zwar eher an eine militärisch Zeremonie, hat aber sich bis heute als etwas typisch studentisches gehalten. Wobei sich wohl die wenigsten Studenten einer solchen Reglementierung unterwarfen und unterwerfen. Letztendlich dienen solche Vereine mehr der Karriere nach dem Studium, als dem zwanglosen genießen der Studienzeit. Man kennt sich und man hilft sich - so läuft das!

Inwiefern die Atmosphäre unter Studenten damals so war, wie sie im Faust geschildert wird, das kann ich nicht sagen. Der Unterschied zu heute wäre der, dass wohl ein Fass Bier von Mephisto erbeten worden wäre. Wein eher weniger. Sicher wurde und wird zu allen Zeiten ab und zu großer Unsinn palavert, bei so Trinkfestspielen. Jede Droge, auch Alkohol, dient aber einer temporären Entlastung unseres Verstandes. Deswegen sind Streber und Abstinenzler hoch gefährdet. Sie kommen einfach nicht mehr runter.

Nun zur Walpurgisnacht.

Goethe hat dieses Gruppensexszenario erst geschrieben, als er aus Italien zurück war. Man spekuliert nun, dass dieses Zimmermädchen oder/und Bekannte eines Gastgebers in Rom mit Namen Faustina, daran wesentlichen Anteil haben soll. Wie Goethe Eckermann, seinem Privatsekretarius, bisschen unter vorgehaltener Hand berichtete, hat ihn diese Faustina, na sagen wir, sie hat ihn sich anständig zurecht gelegt und zwar nachhaltig.
Was glauben Sie, warum so viel Männer noch heute nach Rom pilgern? Kolosseum, Trevi Brunnen oder Vatikan- weit gefehlt - sie suchen das Zimmermädchen!
Mit der Konzentration allen Bösen auf dem Blocksberg, mit der Beschreibung des Abschaums der Menschheit und mit der Kritik an der unbeherrschten Geilheit, auch bei den Fabelwesen, damit kann Goethe zwar seine Abscheu vor diesen Typen und deren Verhalten zum Ausdruck bringen, aber ihre Allgegenwärtigkeit nicht verhindern.
Der Kriegstreiber, der Spekulant, der Arschkriecher, alles, was die Menschheit an so unangenehmen Mutationen hervorgebracht hat und hervorbringt, bekommt dort seinen Platz.
Allerdings, könnte es auch sein, dass dieses hingeben, dieses hemmungslose hingeben bei dem Spiel mit dem Körper, weit mehr Gedanken und Träume ausfüllt als gemeinhin zugegeben wird.

Dass Faust zum Schluss Gretchen hängen lässt, weil sie nun nicht mehr will, das hätte er sich denken können. Lieber Heinrich, da wäre zwei Stunden Holz hacken angebracht gewesen.

Der zweite Teil


Es geht um die große Verantwortung, um Macht, um Einfluss, um Allerdings wird die große Zufriedenheit, der Augenblick, den Dr. Faust festhalten will, auf keinem Thron und in keinem Ornat erlebt. Es ist die Landgewinnung an der Nordsee, wo jeder, vom Kind bis zum Greis, mit Hand anlegen muss, damit es erfolgreich wird.

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.


Das ist einfach so. Ein Bier schmeckt am besten nach getaner Arbeit. Aber richtige Arbeit. Nicht in einer Bank rumhängen oder an der Börse.

Zur Frage der Verehrung der edlen Helena, da muss kurz mal Homer heran gezogen werden. In seiner Ilias verlässt die schöne Helena ihren Mann, den König Argamemnon, um einem Schönling nach Troja zu folgen. Das wirft kein gutes Bild auf diese Frau. Bevor man einen König heiratet, sollte sich auch eine Helena im Klaren darüber sein, welche Verantwortung an so einer Position hängt. Bei allen Helden, die Homer da antreten lässt, es ist die Unbeherrschtheit dieser Helena die Tausenden das Leben kostet und einer blühende Stadt den Untergang bringt. Also Vorsicht bei zu schönen Frauen. Dass es vielleicht in der Realität nicht so stattgefunden hat, das spielt dabei keine Rolle. Der alte Homer wollte wahrscheinlich ganz was anderes rüber bringen und ist doch mit seinen Helden Achilles, Hektor und wie sie alle hießen, bisschen an seiner Botschaft vorbei geschossen. Wenn interessiert heute noch, dass diese Helena ihren Mann stehen lassen hat? Der Krieg um Troja interessiert weit mehr. Brad Pitt lässt grüßen.

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